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Zwischen Gischt und Geschichte

Nach Aufzeichnungen von Willem Schmidt (1921 – 2000)

Welches Datum bestimmt eigentlich das Jubiläum eines Hotels? Es gibt diverse Möglichkeiten, z. B. der Tag des Grundstückserwerbs, des ersten Spatenstichs beim Neubau oder auch, wenn der erste Gast das Haus betritt! Wir haben uns für den Tag des Grundstückserwerbs und die entsprechende Eintragung im Grundbuch entschlossen und die lautet:
Eingetragen nach GG 5, 6 und 7 des Kaufvertrages vom 20. August/16. September 1889 auf Grund der Verhandlung vom 30. April 1890 am 9. Juni 1890. Amtsgericht Emden * Borkum * Landkreis Emden * Band 27 * Blatt No. 389 (Dieses Blatt ist an die Stelle des wegen Unübersichtlichkeit geschlossenen Blattes Borkum Band VIII Blatt 37 getreten!).

Der Käufer war Dr. med. Gerd Schmidt, der aus Dornumergrode kommend, seit 1871 als praktischer Arzt auf der Insel tätig war. Er kaufte es für seinen Sohn Fokke Antjes Karl Schmidt, der es später von seinem Vater käuflich erwerben konnte.

Das Grundstück lag an der Ecke Prinz–Heinrichstraße/ Kaiserstrasse (heute Ecke Bubertstraße/ Jann–Berghaus–Straße). Unmittelbar darauf wurde mit dem Bau des „Nordsee-Hotels“ begonnen, nämlich mit der Einrichtung des Gebäudes an der Prinz-Heinrich-Straße (Bubertstraße). Schon am 25.07.1891 konnte der erste Gast aufgenommen werden (Dr. jur. Atveck aus Bad Kreuznach). 27 Zimmer waren im ersten Jahr für Gäste aufnahmebereit. Das erste Fremdenbuch weist 62 Meldungen auf und eine Personenzahl von 112. – Die letzte Ankunft des Jahres 1891 war am 4. September. – Interessant ist die Herkunft der Besucher im ersten Jahr.

Hier nur ein kurzer Ausschnitt: Bad Kreuznach, Köln, Hannover, Leipzig, Essen, Frankfurt, Oldenburg, Mainz, Aurich, Berlin, London, Iserlohn, Bradford (England), Dresden (Frau seiner Excelenz Kriegsminister v. d. Planitz mit 3 Töchtern u. Gouvernante), Remscheid, Dortmund, Worms, Emden, Duisburg.

Saisonbeginn 1892 war der 28. Juni, die letzte Anreise am 7. September. Wie haben diese Gäste, die in dem Boom der so genannten Gründerjahre nach Borkum kamen, wohl gewohnt? Nach unseren heutigen Vorstellungen eher “primitiv“. Es gab kein fließendes Wasser. Auf den Zimmern standen Waschtische, gleichzeitig als Kommode benutzt, mit Waschkummen und Wasserkaraffe aus Porzellan oder Steingut. Zum Putzen der Zähne stand darauf noch eine Glaskaraffe mit Wasserglas. Des Weiteren gehörte zur „sanitären“ Einrichtung ein „Nachttopf“.

Ein großer Speisesaal war an der Kaiserstrasse angebaut, der jedoch nicht für Hotelgäste genutzt wurde (ca. 200 Sitzplätze). Die Gäste des Hauses hatten einen Speisesaal, der in der 1. Etage lag. Hier wurde das Frühstück eingenommen und das Mittag – und Abendessen (Diner und Souper) an gemeinsamen langen Tafeln – Table d`hotel. Die Glocke, die zum Diner oder Souper rief, hängt noch heute an der Rezeption. Es war üblich, dass man zu den Mahlzeiten nicht in Strandkleidung erschien; man zog sich entsprechend um: Krawatte oder Fliege waren Vorschrift. Im großen Speisesaal aßen Passanten, die im Ort wohnten und die Küche musste auch noch für ca. 100-150 „Menagengäste“ sorgen. Diese Anzahl Menagen (Henkelmänner) gehörte zur Kücheneinrichtung und darin holten die anderen Vermieter im Ort das Essen für ihre Gäste aus den Hotels ab.

Erst nach dem 1. Weltkrieg wurden aus den meisten Insulanerhäusern „Pensionen“, die für das leibliche Wohl ihrer Gäste selbst sorgten. Der größte Teil der Menagen, drei- bis vierteilig, wurde erst nach dem Krieg verschrottet. Die Küche hatte einen großen Kohleherd mit drei Feuerstellen, der entsprechend Heizmaterial verbrauchte. Jedes Jahr vor Saisonbeginn wurde eine riesige Kohlemenge in Waggons von der Kleinbahn angeliefert und die Kohlen wurden quasi direkt von den Schienen in den Hotels eingebunkert. Die Gleisanlage, die an den Hotels vorbei bis ca. „Seeblick“ verlief, hatte jedoch in erster Linie militärischen Charakter. Denn schon das Kaiserreich hatte aus Borkum eine Festung gemacht.

In den ersten Jahren waren Wasserzapfstellen nur im Küchenbereich und auf den Fluren der vier Etagen und den dazugehörigen Toiletten vorhanden. Der Wasserbedarf wurde hauptsächlich aus einem ca. 18m tiefen Brunnen und aus einer großen Zisterne (Regenbacke) gewonnen. Unser Hausbrunnen liegt, heute zugeschüttet, unter der heutigen Tischlerei. Das Wasserwerk der Insel Borkum wurde erst 1900 in Betrieb genommen. Das Wasser wird einer unter der Insel liegenden Süßwasserlinse entnommen. Ebenso problematisch wie die Wasserversorgung war das Beleuchtungsproblem. Das Haus hatte einen sogenannten „Petroleumkeller“, in dem ein Petroleumvorrat für wohl 100 Petroleumlampen lagerte, die täglich gefüllt und geputzt werden mussten, wenn der Saisonbetrieb lief.

Auch Kerzenlicht musste eingesetzt werden, wozu eine Menge Kerzenhalter vorgehalten wurden. Danach gab es Gaslicht. Das Gas fand Verwendung als Beleuchtung, später auch in der Küche und Wäscherei (Heißmangel). Als Lichtquelle blieb es noch bis 1955 in Betrieb in der Küche und im Speisesaal, um Stromausfälle, die damals des öfteren vorkamen, zu überbrücken.

Fortsetzung folgt…


© 2007-2008: Nordsee-Hotel Borkum • Bubertstraße 9 • D-26757 Nordseebad Borkum